Literarische Spuren menschlicher Tragödien

wochenblatt.pl 1 godzina temu
Zdjęcie: Kopalnia Węgla Kamiennego Centrum Foto: Nina Nowara-Matusik


Über die Nachkriegslager in Oberschlesien und gleich nebenan

Zum Gedenken an meinen Urgroßvater, August Jaschik,
ermordet im Nachkriegslager in Myslowitz

Der oberschlesische Alltag nach 1945 markierte kein Ende des Krieges, sondern den Beginn einer neuen, tragischen Epoche, die in die Geschichtsschreibung als Oberschlesische Tragödie eingegangen ist. Doch Geschichte endet nicht in Lehrbüchern, sie lebt weiter in lokalen und familiären Erzählungen. Und während die Bezeichnung Oberschlesische Tragödie heute kaum noch Kontroversen auslöst, entzünden die Ereignisse, die sich hinter ihr verbergen, weiterhin die Gemüter.

Lager und die Schwierigkeit ihrer Benennung

Eine ihrer schmerzlichsten Facetten waren die Lager, in denen Tausende Autochthone festgehalten wurden, ob Schlesier, Deutsche oder Menschen „zweifelhafter Nationalität“. Die Gründe dafür waren politisch, ideologisch oder schlicht aus der Luft gegriffen, denn unter den Inhaftierten befanden sich ganze Familien, sogar Kinder.

Historiker haben dazu viel zu sagen, doch die Frage der richtigen Bezeichnung bleibt heikel. Handelte es sich um Lager im Nachkriegspolen? Um kommunistische Lager? Zwangsarbeitslager? Internierungslager? Oder gar Konzentrationslager? Jedes dieser Worte trägt eine andere emotionale Wucht, jedes findet Befürworter und Gegner.

Kopalnia Węgla Kamiennego Centrum Foto: Nina Nowara-Matusik

Unbestreitbar entstanden viele dieser Lager an Orten ehemaliger NS-Lager oder in unmittelbarer Nähe großer Industriebetriebe, Zechen und Hütten, wie sie in Oberschlesien zahlreich waren. Unbestreitbar haben Zgoda, Lamsdorf oder Myslowitz einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis der Region. Und unbestreitbar beginnen die Opfer, denen man jahrzehntelang Schweigen auferlegte, endlich zu sprechen. Für viele kommt es jedoch zu spät, und ihre Nachkommen ringen noch immer mit der Angst. Doch die Literatur tritt ihnen zur Seite. Sie rekonstruiert die Spuren menschlicher Tragödien und verleiht dem Unsagbaren eine Stimme. Sie öffnet Räume für Worte, die in der Historiografie kaum zu finden sind. Und sie bewahrt die Erinnerung an Dramen, die sich oft direkt hinter dem Gartenzaun abspielten.

Reportage als literarisches Gedächtnis

Im literarischen Archiv dieser Erinnerungen sticht der Reportageband Kajś. Opowieść o Górnym Śląsku von Zbigniew Rokita besonders hervor. Das Buch erreichte rasch ein breites Publikum, löste eine lebhafte Debatte aus und wurde zu einer der wichtigsten Stimmen über Oberschlesien der letzten Jahre. Die doppelte Verleihung des Nike-Literaturpreises durch Jury und Publikum unterstrich seine außergewöhnliche Bedeutung. Rokitas Reportage prägte maßgeblich das gesamtpolnische Bild der Region.

Die Literatur rekonstruiert die Spuren menschlicher Tragödien und verleiht dem Unsagbaren eine Stimme. Sie öffnet Räume für Worte, die in der Historiografie kaum zu finden sind. Und sie bewahrt die Erinnerung an Dramen, die sich oft direkt hinter dem Gartenzaun abspielten.

Der Erzähler führt die Leser auch nach Schwientochlowitz, „zu den gemütlichen Schrebergärten“ im Stadtteil Zgoda, entstanden auf dem Gelände eines „Nachkriegskonzentrationslagers“. Doch eine sprachliche Gleichsetzung mit einem polnischen Konzentrationslager erfolgt nicht. Der Text vermeidet bewusst eine solche terminologische Festlegung. Der Erzähler verweist lediglich auf die anhaltende Debatte, und der Leser muss selbst entscheiden, ob dieser „oberschlesische Archipel Gulag“ tatsächlich so genannt werden sollte.

Der Spur des Ortes folgt auch Grażyna Kuźnik in ihrem Reportageband Hektary Morela: 10 reportaży o COP Jaworzno. Auch wenn Jaworzno geografisch eher Kleinpolen als Oberschlesien zuzuordnen ist, ähneln sich die Mechanismen des Verdrängens einer schmerzhaften Vergangenheit doch erstaunlich stark. Als die Autorin die Bewohner nach Spuren des ehemaligen Lagers befragt und schließlich die unbequeme Frage stellt, was sich unmittelbar nach dem Krieg am Standort der heutigen Schule befand, stößt sie auf eine Mauer des Schweigens. Nur eine einzige Person, „jemand“, antwortet: „ein Konzentrationslager für Deutsche, später ein Gefängnis“. Auch hier herrscht keine Einigkeit über die richtige Bezeichnung. Neben „Durchgangslager“ tauchen Begriffe wie „Arbeitslager“, „Zwangsarbeitslager“ und „Straflager“ auf.

Am deutlichsten tritt das Problem der Benennung in Marek Łuszczynas Reportage Mała zbrodnia zutage. Im letzten Kapitel „Heute“ wird das sprachliche und moralische Dilemma zum Kern einer vielstimmigen, persönlichen Reflexion. Der Erzähler stellt sich eine Reihe unbequemer Fragen und zeigt, welche Macht Worte besitzen und wie schwierig die Geschichte Oberschlesiens bleibt. Es sind Fragen, die auch den Leser nicht loslassen.

Literarische Fiktion und schlesische Perspektive

Eine andere als die dokumentarische Form literarischen Erinnerns an die Lager bietet die Erzählung Afy von Dominika Bara, und dies in ausgesprochen origineller Weise. Statt die Geschichte linear zu entfalten, verwebt sie Szenen aus dem Lager Zgoda mit Ereignissen des frühen 21. Jahrhunderts. So verschränken sich erschütternde Erinnerungen inhaftierter Kinder mit Erzählungen über die Suche nach Gerechtigkeit und Identität. Besonders bemerkenswert ist die konsequent schlesische Perspektive. Die Figuren sprechen über ihr Leid auf Schlesisch und verleihen der Erzählung dadurch besondere Authentizität. Schade, dass dieses Buch bislang keine landesweite Aufmerksamkeit erlangt hat.

Weit bekannter ist dagegen Sabina Waszut mit ihrem Roman Ogrody na popiołach. Schon der Titel nutzt einen starken rhetorischen Kontrast: Gartenidylle trifft Lagerwirklichkeit, ein Motiv, das auch Rokita aufgreift. Die Intention der Autorin ist klar. Es geht darum, ein Tabu zu brechen, das Unsagbare auszusprechen und zu benennen, was äußerer oder innerer Zensur unterlag. Die Figuren verwenden Begriffe wie „Arbeitslager“, „Vernichtungslager“, „Todeslager“ und „Konzentrationslager“. Keiner dieser Begriffe führt jedoch zu einer eindeutigen Antwort, wichtiger als der Streit um Worte scheint die Versöhnung, mit dem Täter und mit sich selbst.

Zum Schluss ein literarischer Nachhall der Oberschlesischen Tragödie, den man am Ort selbst heute vergeblich sucht: Oberschlesische Passion von Viktor Paschenda. Der Roman, größtenteils im Nachkriegs-Beuthen angesiedelt, zeigt das Leid mitten im Herzen der Stadt, in einem Lager, das in den Baracken der ältesten Beuthener Zeche entstand, dem Karsten-Zentrum, nach dem Krieg in Dymitrow umbenannt und nach der Wende wieder in Zentrum. Das Lager, errichtet am Standort eines früheren Kriegsgefangenenlagers, lag direkt am Stadtpark. Diese „Knochenmühle“, wie der Erzähler und zugleich ein Beuthener Bürger sie nennt, sei ein „Meilenstein“ in der „Leidensgeschichte dreier Nationen“, der Russen, Polen und Deutschen.

Die älteste Beuthener Zeche ist heute stillgelegt. Ihre Spuren verschwinden langsam. Auch vom Lager ist nichts Materielles geblieben. Bewahrt hat es allein die Literatur.

Sabina Waszut “Rozdroża”:

Nie wstydzić się historii

Sabina Waszut “Gärten auf Asche”:

„Gärten auf Asche“

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